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Rolling Stones: Sympathie für die alten Teufel

Von | 22.05.2010, 14:51 | Ein Kommentar

Die Neuauflage des 38 Jahre alten Stones-Albums „Exile On Main Street“ wird morgen auf Platz 1 der UK-Charts landen. Soll uns das was sagen? Einfallen könnte einem spontan etliches. Die Krise in der Tonträgerindustrie, zum Beispiel, wer kauft heute noch CDs? Dann die mangelnde Qualität am Musikmarkt. Oder die fehlende Konkurrenz bei den Neuerscheinungen. Letztere […]

Exile On Main Street by scarlatti2004

Die Neuauflage des 38 Jahre alten Stones-Albums „Exile On Main Street“ wird morgen auf Platz 1 der UK-Charts landen. Soll uns das was sagen?

Einfallen könnte einem spontan etliches. Die Krise in der Tonträgerindustrie, zum Beispiel, wer kauft heute noch CDs? Dann die mangelnde Qualität am Musikmarkt. Oder die fehlende Konkurrenz bei den Neuerscheinungen. Letztere sind aber diese Woche gar nicht so übel. Die neue Faithless (The Dance) dürfte auf Platz Zwei landen. Der neue Remix von LADY GAGA ist auch kein Leichtgewicht. Nicht zu vergessen The National, die BAND DER STUNDE. Aber gegenwärtig führen die neuen alten Stones die UK-Verkaufslisten an, mit knapp 1000 Tonträgern Abstand auf den Rest. Exile On Main Street. Das Doppelalbum aus dem Jahr 1972; plus zehn neue alte Nummern. Die erste Stones-Nr 1 seit 16 Jahren (Voodoo Lounge `94).

Kritiker meinen heute noch, „Exile“ sei der feinste Moment der Rolling Stones. Sehr Rock´n´Roll. Kompromisslos unkommerziell. Back to the roots! Country, R´n´B, Gospel und mehr. Authentisch!

Jagger selbst hielt und hält das Album für „gut, wenn auch überschätzt. Roots schön und gut,“ sagte er seinerzeit. „Aber man muss auch den Himmel erforschen.“

Ich bin da bei ihm. Und was „authentisch“ anbelangt, bin ich nicht bei den Kritikern. Authentisch ist anders, das geht nicht ohne den von der Musik „erweckten“ Fan. Jenen Fan, dessen Ohr am Radio oder am Lautsprecher des Monoplattenspielers hing, als die Stones zu passieren begannen. Dem hier zu Lande akustisch eins anderweltlich rüber gezogen wurde, als sich in der „österreichischen Schlagerparade präsentiert von Eva-Maria Kaiser“ zwischen Wencke Myrrhe („Ich will nen Cowboy als Mann“) und Roy Black („Ganz in Weiß“) plötzlich eine rüpelhafte Stimme mischte, die „I Can´t Get No Satisfaction“ plärrte.

Die „authentischen“ Stones reichen von Satisfaction (was davor war, wurde vom Fan aufgehoovert) über Beggar´s Banquet bis Let It Bleed, zwei Alben, für die der Fan sich beim einen Plattenladen der Kleinstadt anstellte, sie mit klopfenden Herzen kaufte und dann im Verein mit der (Buben)-Clique per Aufsetzen der Nadel „entjungferte“. Dass die Dinger dann auch noch mit Sympathy For The Devil oder Gimme Shelter begannen, vollendete die Ekstase.

Diese Stones endeten im „Devil“-inspirierten CHAOS VON ALTAMONT. Was danach kam (Sticky Fingers) wurde vom Fan nur noch betanzt (Brown Sugar), das Girlfriend war da schon authentischer. Und Exile On Main Street wurde immerhin respektiert. Das fiel leicht, auf „Exile“ gibt es keine Hits. Abgesehen von Tumbling Dice gibt es auf „Exile“ keine Hits. Exile war kaum öffentlich, es war eine diskretes Ereignis. Das hat auch seine wunderbaren Meriten.

Exile On Main Street erlebte bereits Mitte der Neunziger Jahre eine Neuauflage als CD, ich hab sie mir irgendwann zugelegt. Ein genialer Kauf. Der Tonträger befriedigte haargenau einen bestimmten Bedarf.

Zuvor hatte ich mir „Banquet“ und „Bleed“ erneut zugelegt, nur störte mich daran bald genau das, was mir anno Teenager Ekstasen brachte – die Hits. Das Problem mit den Hits der Stones ist, dass alle zu Tode gespielt sind. Des Mauses. „Exile“ dagegen ist perfekt. Am Werk sind die jungen Stones und sämtliche Nummern praktisch taufrisch. „Exile“ ist wie ein neues Stones-Album, das genau so ist, wie man sich die Rolling Stones wünscht, nämlich wie die alten, also die jungen Stones.

Schön auch, dass die Nummern roh, spontan und jenseits von dem kommen, was Sir Mick unter „Perfektion“ versteht. Und eine BELEBUNG von Cannes das Auftauchen von Jagger anlässlich der Filmpremiere von Stones in Exile.

Die Flucht von der Insel wegen der Steuerlast (93%!). Das Niederlassen in Keith Richards´ Villa Nellcoté in Südfrankreich (die mittler Weile ein Russe um 100 Mio Euro erstanden hat) im Sommer 71. Die Heirat von MICK UND BIANCA JAGGER IN ST TROPEZ, Tochter Jade war bereits am Weg. Die beginnende Heroinsucht von Keith, die Kinder (Keiths Sohn Marlon kroch einjährig herum, der 8jährige Producersohn Jake Weber rollte die Joints), die Zaungäste (John Lennon & Co).

Das waren Umstände, die für Zustände sorgten – Jagger hasste Richards Heroinsucht, Richards hasste Bianca, Bill Wyman hasste Südfrankreich, die Band bevölkerte selten gemeinsam das Tonstudio, die Musiker lieferten vereinzelt ihre Beiträge ab. Und so wurden die Nummern langsam Tonspur: „Happy“, weil Richards ausnahmsweise mal zu früh im Studio erschien. „Plundered My Soul“ (bisher unveröffentlicht), weil Jaggers Ex Marianne Faithfull laut Keith „emotionell geplündert“ worden war. „Tumbling Dice“, weil Jagger mal ein Gospel in einer Kirche hörte. Mein persönlicher Favorit ist der „Casino Boogie“, der nun tatsächlich so kommt, als hätten alle Beteiligten ihre Beiträge „unter dem Einfluss“ hingepinkelt und Jagger sie schmissig und schmerzlos wie einen Cocktail für Wirkungstrinker hergemixt.

Genug der Worte. Exile On Main Street ist ein gutes Werk, wäre auch noch Sister Morphine drauf gelandet, wäre es perfekt. HIER geht es zu den Videos zweier bislang unveröffentlichter Songs aus „Exile“. Und folgend noch ein süßer kleiner Cut von Keith Richards, der den „authentischen“ Stones-Sound erklärt. Enjoy!

Ein Kommentar »

  • AnjinSan sagt:

    *notice to myself: lebensversicherung überprüfen*

    bin ich ja quasi mit in meine lehre gestartet.
    bin ich jetzt alt?

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