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Wenn Autofahrer töten, oder: Warum Mobilität vor Sicherheit geht

Von | 19.05.2010, 11:58 | 11 Kommentare

Zynismus ist angebracht, wenn der Tod zuschlägt: Autofahrer töten im Idealfall sich selbst. Im Alptraum-Szenario von gestern ist es ein achtjähriger Bub. Tragisch, furchtbar, unverzeihlich, was da gestern an der Kreuzung Pyrkergasse/Döblinger Hauptstraße in Wien passiert ist. Und doch: Eine Verkehrspolitik, die Mobilität vor Sicherheit stellt, wird mit solchen Fällen immer wieder konfrontiert sein. Vor […]

Foto: Faksimile der Tageszeitung "Österreich" vom 19. Mai 2010.

Zynismus ist angebracht, wenn der Tod zuschlägt: Autofahrer töten im Idealfall sich selbst. Im Alptraum-Szenario von gestern ist es ein achtjähriger Bub.

Tragisch, furchtbar, unverzeihlich, was da gestern an der Kreuzung Pyrkergasse/Döblinger Hauptstraße in Wien passiert ist. Und doch: Eine Verkehrspolitik, die Mobilität vor Sicherheit stellt, wird mit solchen Fällen immer wieder konfrontiert sein. Vor zwei Jahren sind hier – auf dem selben Schutzweg – zwei Mädchen niedergefahren worden. Für Kanalarbeiten wurde einmal eine Ampel aufgestellt, und die Eltern haben sich gefragt, warum die nicht bleiben konnte.

„Weil der Gehsteig zu schmal ist, konnte bisher keine fixe Ampel installiert werden,“ erklärt der Bezirksvorsteher. Wie bitte? Als ob man eine Ampel nicht zwischen zwei Häusern spannen kann, wenn am Boden schon kein Platz ist.

Die Wahrheit ist: Für die Autofahrer ist immer genug Platz da. Das ist einmal historisch so gewachsen, und zum anderen den Betonschädeln eingebrannt, die sich jeden Tag durch die Stadt stauen. Wenn es darum geht, 30-km/h-Zonen oder Radeln gegen die Einbahn zu verhindern, funktioniert der alte Reflex. Bloß nichts hergeben! Sonst könnte man ja am Schluss noch draufkommen, dass der öffentliche Raum allen gehört – auch den über 50 Prozent der Wienerinnen und Wiener, die kein Auto besitzen. Na, Gott behüte!

Die Vermeidung des unvermeidlichen Morgenstaus ist den Politikern und Stadtplanern allemal wichtiger als die Entschärfung eines gefährlichen Schulweges. Man stelle sich die Schlagzeilen vor: „Staufalle Döblinger Hauptstraße!“ Oder: „Sinnlos-Ampel!“

„Ruf nach Handy-Verbot für Radfahrer immer lauter!“ schreibt heute die Kronen Zeitung, „immer wieder versetzen ,einarmige’ Kamikaze-Flitzer Passanten wie Pkw-Lenker in Angst.“

Das sind die wahren Sicherheitsprobleme.

11 Kommentare »

  • Sakristan Biringer sagt:

    … sehr interessant finde ich ja, als fussnote, auch die unterzeilte der österreich-headline (nett, welche medien zib21 nun schon als quelle heranzieht …): „Raser in Mercedes-S-Klasse übersieht Schülerlotse“ …

    kleine frage am rande: wäre uns der tötende autofahrer (der laut zeugenaussagen übrigens nicht eingeschlafen war, sondern sms tippte) eigentlich sympathischer, würde er VW polo fahren?

    und, herr adrian: sie fahren doch auch gerne auf urlaub. oder fliegen Sie am end? dann löschen wir aber bitte „umweltschonend“ aus ihrem entbehrlichen kommentar …

    hochachtungsvoll,
    biringer.

    • truetigger sagt:

      > „nett, welche medien zib21 nun schon als quelle heranzieht“

      Es ist ja weniger eine Quellenangabe als eher der Auslöser zu eigenen Gedanken, die vom aktuellen Fall auf die allgemeine Entwicklung hingehen – dazu wären Quellen eher irgendwelche statistischen Angaben. Ganz so arg ist es also nicht.

      > „kleine frage am rande: wäre uns der tötende autofahrer (der laut
      > zeugenaussagen übrigens nicht eingeschlafen war, sondern sms tippte)
      > eigentlich sympathischer, würde er VW polo fahren?

      Interessantes Detail, war mir gar nicht aufgefallen, wie dort gleich wieder die üblichen Feindbilder bedient werden.

      Natürlich sollte das Auto wurscht sein (es sei denn ein Geländewagen mit Bullenfänger, bei dem das Kind nochmal besonders verletzt wird) – bei 1,5 Tonnen Eisen gegen einen Menschen kommt es auf die Marke kaum an. Unfälle passieren sowohl reichen Menschen, eingebildeten Schnöseln als auch braven Arbeitern. Aber ja – das Unterbewusstsein sagt auch bei mir: „mit dem Benz ohne Rücksicht auf Verluste rasen, typisch!“

    • ohne sie mit journalistischen details langweilen zu wollen: ein symbolfoto ist keine quelle. aber vielleicht hat sie ja bloß der zorn geritten. was fahren sie?

      • Sakristan Biringer sagt:

        Lieber Herr Lauth,

        diesmal war es nicht der Zorn, sondern bloß der Wunsch nach Objektivität. Und zur Quellen-Sache muss ich mich selbst relativieren: stimmt, die Krone wäre auch nicht besser gewesen.

        Was ich privat fahre, tut hier m. E. nichts zur Sache. Aber zur Einschränkung: weder einen „Bullenfänger“ noch eine „S-Klasse“. Und Personenschaden hab ich auch noch keinen angerichtet.

        Hochachtungsvoll,
        biringer.

    • Adrian sagt:

      und wieder einmal ein herr troll, nichtssagend und doch polarisierend…lesen sie nochmal und vergewissern sie sich das sinn sowie kontext in die richtigen relationen gebracht wurden.

      p.s.:ich bevorzuge die bahn

  • Bruce sagt:

    Als passionierter Radlfahrer erleb ich die Gedankenlosigkeit der Autofahrer beinahe täglich. Wie oft brettern Vollkoffer in mimalem Abstand an mir vorbei oder – mein persönliches Highlight – überholen mich kurz vor einer roten Ampel, um dann eine Vollbremsung hinzulegen: Hauptsache, sie haben noch schnell den Radfahrer überholt (was ihnen nix bringt, weil ich rechts oder links an ihnen eh vorbeifahr bis ganz nach vorn).

    Dennoch: „Für Autofahrer ist immer Platz da“ ist ein wenig zu simpel. Fakt ist, dass unser modernes Leben auf Mobilität ausgerichtet ist, zumindest ausserhalb der Wiener Innenstadt. Mit der Bim in Graz zum Baumarkt ist schon ein kleines Abenteuer, ein Hofer-Einkauf ohne Auto ist auch wesentlich beschwerlicher. Für Menschen, die bereits ein Auto incl. der Fixkosten haben ist in vielen Fällen der Nahverkehr keine Option: Zu unzuverlässig, zu teuer, zu umständlich, zu langsam.

    Unglücke passieren, Kinder fallen auch aus dem Fenster. In Sachen Sicherheit wurde schon einiges getan in den letzten Jahren, vielleicht nicht genug, aber es hat sich schon etwas bewegt. Der ganz grosse Wurf wär eine Verbannung des Individualverkehrs aus der Innenstadt, dann hätten auch alternative Konzepte (Elektro-Stadtautos, dichtere Bustakte, besseres Bim-Netz, S-Bahn-Ausbau) mehr Chancen. Aber das würde einen spürbaren, deutlichen Einschnitt für die gewohnte „Lebensqualität“ vieler bedeuten: teurer, länger, umständlicher. Und DAZU fehlt der politische Wille. Leider.

  • truetigger sagt:

    Als passionierter Radlfahrer erleb ich die Gedankenlosigkeit der Autofahrer beinahe täglich. Wie oft brettern Vollkoffer in mimalem Abstand an mir vorbei oder – mein persönliches Highlight – überholen mich kurz vor einer roten Ampel, um dann eine Vollbremsung hinzulegen: Hauptsache, sie haben noch schnell den Radfahrer überholt (was ihnen nix bringt, weil ich rechts oder links an ihnen eh vorbeifahr bis ganz nach vorn).

    Dennoch: „Für Autofahrer ist immer Platz da“ ist ein wenig zu simpel. Fakt ist, dass unser modernes Leben auf Mobilität ausgerichtet ist, zumindest ausserhalb der Wiener Innenstadt. Mit der Bim in Graz zum Baumarkt ist schon ein kleines Abenteuer, ein Hofer-Einkauf ohne Auto ist auch wesentlich beschwerlicher. Für Menschen, die bereits ein Auto incl. der Fixkosten haben ist in vielen Fällen der Nahverkehr keine Option: Zu unzuverlässig, zu teuer, zu umständlich, zu langsam.

    Unglücke passieren, Kinder fallen auch aus dem Fenster. In Sachen Sicherheit wurde schon einiges getan in den letzten Jahren, vielleicht nicht genug, aber es hat sich schon etwas bewegt. Der ganz grosse Wurf wär eine Verbannung des Individualverkehrs aus der Innenstadt, dann hätten auch alternative Konzepte (Elektro-Stadtautos, dichtere Bustakte, besseres Bim-Netz, S-Bahn-Ausbau) mehr Chancen. Aber das würde einen spürbaren, deutlichen Einschnitt für die gewohnte „Lebensqualität“ vieler bedeuten: teurer, länger, umständlicher. Und DAZU fehlt der politische Wille. Leider.

    • Hannes Uhl sagt:

      Mein Blog-Beitrag bezieht sich auf Wien, und da find‘ ich schon, dass der öffentliche Verkehr bis auf Randlagen derart gut ausgebaut ist, dass er das Auto um Längen schlägt.
      “Für Autofahrer ist immer Platz da” ist natürlich plakativ – aber relativ zu sehen, wenn man überlegt, wie viel Quadratmeter Fläche ein Auto beansprucht, dafür dass in der Regel eine Person drinnen sitzt.

  • Adrian sagt:

    Ein Radikales umdenken wäre angebracht, der Straßenverkehr gehört eingedämmt! Nicht nur wegen den Verkehrskrüppeln/toten, auch im Sinne eines Lebenswerteren Gesamtraums.Faktoren wie Schmutz, Lärm und Umweltbelastung werden einfach aus Bequemlichkeit unter den Tisch gefegt, den es hängen ja so viele Arbeitsplätze von der Mobilität ab. Wirklich? Ist die Automobilindustrie wirklich noch der Treibende Faktor hinter Europas Wirtschaft? Braucht Hinz und Kunz wirklich ein Auto oder könnten nicht die meisten Fahrten in Fahrgemeinschaften zusammengefasst werden, reorganisiert, minimiert, kostensparend und Umweltschonend?

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