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Gladius 49. Waffen für Griechenland

Von | 16.05.2010, 18:09 | 4 Kommentare

Kriegt Griechenland EU-Gelder, um Waffen made in Europa zu kaufen? Klingt so absurd, dass es wahrscheinlich stimmt. Hier zu meinem Wort der Woche: Heuchler. Im Allgemeinen versteht man darunter Leute, die ein Bild von sich vermitteln, das nicht dem realen Selbst entspricht, und in der Regel tun sie das zur Beschönigung eines Sachverhalts. Im  Konkreten […]

Athen Now. Foto: Sotiris Farmakidis

Kriegt Griechenland EU-Gelder, um Waffen made in Europa zu kaufen? Klingt so absurd, dass es wahrscheinlich stimmt.

Daniel Cohn-Bendit. Foto: The Green Party

Hier zu meinem Wort der Woche: Heuchler. Im Allgemeinen versteht man darunter Leute, die ein Bild von sich vermitteln, das nicht dem realen Selbst entspricht, und in der Regel tun sie das zur Beschönigung eines Sachverhalts. Im  Konkreten meinte Daniel Cohn-Bendit, Fraktionsvorsitzender der europäischen Grünen, anlässlich einer Brandrede vor zehn Tagen im Europäischen Parlament: „Wir sind alle Heuchler.“

Thema war die Griechenland-Krise, was sonst, Thema war die „Wirtschaftshilfe“ der EU-Staaten an ihren südlichen EU-Partner, und die Heuchelei dabei sei laut Cohn-Bendit – in Referenz zu Frankreich und Deutschland – dass „wir ihnen Geld (geben), damit sie Waffen von uns kaufen.“

Konkret sprach der in Frankreich geborene Deutschlandbürger von Kriegsgeräten (U-Boote, Schiffe, Flugzeuge etc) im Gesamtwert von sieben Milliarden Euro. Laut Cohn-Bendit haben sowohl Frankreichs Nicolas Sarkozy als auch Deutschlands Angela Merkel ihre Wirtschaftshilfe für Griechenland nur „unter der Voraussetzung (zugesichert), dass die Waffenverträge weiterliefen.“ Wenn das stimmt, ist das Wort „Heuchler“ eigentlich beschönigend.

Das Video von Cohn-Bendits Rede (siehe unten) wurde seither in den Sozialen Netzwerken eifrig gepostet, die (massiven) Kommentare reichten von bewundernd („tolle Rede“) über neidig („wie sollte ein Österreicher, konsensverliebt, eine solche Rede halten?“) bis hin zu ablehnend („Populismus a la Haider und HC“). Ich selbst bin vorbeugend ganz beim Mann, der vor vierzig Jahren mal „der rote Danny“ hieß. Wer in den 70er Jahren studierte, konnte ihn schwer ignorieren.

Es mag Zufall sein (woran ich nicht glaube), aber seit Rezession das große Thema ist, werden im Umfeld der politischen Debatten immer wieder auch „Links“ zu Kriegsgeschäften offenbar. Vergangenen Herbst etwa die Obszönität, dass die USA den Taliban fürstlich entlohnt, damit ihre Waffentransporte ungehindert an die afghanische Front gelangen – wo sie dann GEGEN den Taliban eingesetzt werden (zib21 berichtete HIER).

Anlässlich des Wahlkampfes in Großbritannien wagte heuer LibDem-Boss Nick Clegg die „heilige Kuh“ Trident anzugreifen, jenen anno Kalter Krieg etablierten nuklearen Schutzschild gegen die Russen – die schon lange nicht mehr die Gegner des Westens sind. Ein Auflassen von Trident, argumentierte Clegg, würde 80 Milliarden Pfund freimachen, die den Schuldenstand auf der Insel mit einem Schlag signifikant reduzieren würden. Nur wollte der Rest des britischen Polit-Establishments nichts davon wissen, geschweige denn darüber debattieren.

Ähnlich absurd (und daher glaubhaft) die von Cohn-Bendit geouteten Waffengeschäfte mit Griechenland. Der ungewöhnlich hohe Rüstungsetat der Griechen (3,3% des Bruttoinlandsproduktes; Deutschland: 1,3%) sei wegen der „angespannten“ Beziehung zur benachbarten Türkei notwendig. Ja, der Zypern-Konflikt. Der ist nun so alt wie die aktuellen Umstände absurd: Sowohl Griechenland als auch die Türkei sind Nato-Staaten, also eigentlich Partner. Griechenland ist EU-Mitglied, Türkei will EU-Mitglied werden, Griechenland ist Befürworter der EU-Mitgliedschaft der Türken. Ist das nicht eine wunderbare Voraussetzung für den endlichen Versuch einer Lösung des Zypern-Konflikts? Stattdessen verkauft Europa sowohl den Griechen als auch den Türken Waffen. Warum? Damit die Einen sich vor den Anderen schützen können? Fadenscheinig, ( no?), zumal in Anbetracht der Summen, die da im Spiel sind (und so manche Finanzbilanz auffrischen).

Cohn-Bendit, der sich als „Realo“ sieht, hatte denn auch einen fundamental simplen Vorschlag: „Lass uns Griechenlands territoriale Integrität garantieren. Und lass uns von Griechenland verlangen, ihre total verrückte, 100 000 Mann starke Armee abzubauen. Das ist weit effektiver als das Salär von jemandem zu kürzen, der ohnehin nur 1000 Euro verdient.“

Ja, klingt vernünftig. Jeder will den Frieden. Also weg mit all diesen üblen Waffengeschäften. Aber warum werde ich das Gefühl nicht los, dass so eine Forderung, die jedes Manifest einer politischen Partei zieren sollte, letztlich in der „Abteilung Naiv“ schubladiert wird?

4 Kommentare »

  • Dr. Walter Satzinger sagt:

    Prof Schmidt hat recht: Dannys fulminante Rede sollte der Bundesregierung zur Stellungnahme vorgelegt – und in allen wichtigen deutschen Gazetten abgedruckt werden!
    Ob’s da ein formelles Junktim gab: Kreditvergabe gegen Waffenkauf, spielt aus meiner Sicht keine Rolle. Ein materielles ist es, wie Cohn-Bendit sagt, allemal: ‚Wir‘ gewähren Kredit und die kaufen von ‚uns‘ für Milliarden Euro Waffen.
    Wäre doch viel klüger gewesen, die griechische Regierung – statt zum Plündern der Pensionskassen und Senken der Löhne – zur Reduzierung ihrer Rüstungsausgaben zu nötigen (und ihr territoriale Garantien gegenüber dem NATO-Partner Türkei zu geben)! Aber dann wär’s halt kein Geschäft…

    W.S.

  • prof. dr. gert schmidt sagt:

    eine richtig gute cohn-bendit-rede! sollte im bundestag gezeigt werden – und dann sollten merkel u.a. dazu stellung nehmen …
    hoffentlich machen sich ein paar kluge nicht-conspiracy-geile journalisten ‚auf die socken‘ – und pruefen solide, ob es absprachen gegeben hat, dass die griechenland-hilfe der eu abhängig gemacht wurde von der zusage, waffenkaeufe zu tätigen …

  • Ettmayer sagt:

    Herr Frater, Ihre Recherchen haben mich dazu verleitet, mein Kipferl noch tiefer in den Kaffee zu tunken. Ein angeborener Abwehrreflex. Die griechische Tragödie, das Wetter draußen, die gesamteuropäische Heuchelei, Cohn-Bendits erhobener Zeigefinger und ein Blick in das Gesicht von Nicolas Sarkozy, davon krieg ich Kreislauf, Kopf und auch ein bisschen Rücken.
    Vielleicht hilft ein Waldlauf. Oder Elfmeterschießen. Ich fürchte, wir brauchen mehr denn je ein Wunder.

    Herzlichst, Ettmayer

  • saxo lady sagt:

    tschuldigung frater
    aber
    das ist alles zum kotzen!!!
    was können wir dagegen tun?

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