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China: Die Logik der Verzweiflung

Von | 17.05.2010, 6:00 | 2 Kommentare

China boomt. China feiert sich mit der Expo in Shanghai. Die sozialen Unruhen im Land sind dabei natürlich kein Thema. Am Morgen des 12. Mai, stürmte ein 48-jähriger Mann in der Provinz Shaanxi, China, einen Kindergarten und tötete neun Kinder und zwei Erwachsene mit einem Messer. Anschließend ging er nach Hause und brachte sich um. […]

Eltern bei einer Demonstration. Auf dem Plakat steht: "Wer Beamte tötet, ist ein Held. Wer Kinder tötet, ist ein Hund"

China boomt. China feiert sich mit der Expo in Shanghai. Die sozialen Unruhen im Land sind dabei natürlich kein Thema.

Am Morgen des 12. Mai, stürmte ein 48-jähriger Mann in der Provinz Shaanxi, China, einen Kindergarten und tötete neun Kinder und zwei Erwachsene mit einem Messer. Anschließend ging er nach Hause und brachte sich um.

Eine Serie solcher sinnlosen und tödlichen Attacken [The Economist, 12. Mai 2010] markiert die dunkle Seite des wirtschaftlichen Aufschwungs, den China heuer mit der Expo 2010 in Shanghai zur Schau stellt.

Die rasanten Fortschritte der vergangenen dreißig Jahre haben in der Gesellschaft tiefe Risse hinterlassen. Traditionen werden durch Modernisierung aus den Fugen geworfen. Die Armut der Landbevölkerung kontrastiert den glitzernden Glanz der Großstädte. Der Idealismus vieler politischen Aktivisten, die für Menschenrechte und Rechstaatlichkeit protestieren, stößt auf die Gleichgültigkeit und das Unverständnis der Allgemeinheit.

Die Bauern sind die am stärksten Betroffenen. Obwohl sie die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung stellen und in Form von über 100 Millionen Wanderarbeitern den Rückgrat der chinesischen Wirtschaft sind, haben sie am wenigsten davon profitiert. In Städten werden sie als Bürger zweiter Klasse behandelt [The Economist, 06. Mai 2010]. In manchen Teilen Chinas leben sie unter der Parteiherrschaft der Kommunisten wie in der Feudalzeit.

Zur bittersten Verzweiflung getrieben, verletzte ein Bauer aus Shandong mit einem Hammer fünf Schüler, übergoss sich danach mit Benzin und zündete sich an, während er zwei Kinder an sich hielt. Die Schüler konnten durch die Lehrer vor dem Tod gerettet werden. Der Täter verbrannte im Feuer.

Manchen Herausforderungen bleiben auch den städtischen Bürgern nicht erspart. Einerseits genießen sie das moderne Leben mit Internet, Urlaubsreisen und Einkaufszentren. Andererseits stehen sie unter großem Druck, sich eine Existenz zu sichern, in einem Staat ohne funktionierendes Wohlfahrtssystem. Krankheiten und Schulbildung bereiten sogar wohlhabenden Menschen mit einer oder zwei Millionen RMB (100.000 bis 200.000 EUR) auf der Bank Sorgen. De jure kostenlos, verbraucht die Erziehung eines Kindes bis zum Universitätsabschluss de facto etwa eine Million RMB. Eine schwere chronische Krankheit wie Krebs kann das Vermögen einer Mittelklassefamilie binnen weniger Jahre aufbrauchen.

Solche Sorgen, die den Westeuropäern mit staatlicher Sozial- und Krankenversicherung unbekannt bleiben, begleiten ständig das Denken der Menschen. Mit der Zeit erzeugen sie Stress und Depression.

Am 12. April brachte ein Arzt in Guangxi vierhundert Meter vor einer Schule ein achtjähriges Kind und eine alte Frau um und verletzte fünf weitere Menschen. Der Mörder ist 40 Jahre alt, seit Jahren psychologisch krank und galt nicht als gewalttätig, bis vor einem Monat. Eine weitere Tat in Guangdong, wo zehn Schüler und ein Lehrer verletzt wurden, wurde vermutlich von einem Lehrer verübt, der vor Jahren wegen Geisteskrankheit frühpensioniert wurde.

In einer sich schnell veränderten Gesellschaft suchen die Menschen nach Stabilität. Gekoppelt mit traditionellen Denkweisen, die die fortwährende Modernisierung nicht beseitig hat, führt es zur Entstehung eines unverfrorenen Materialismus. In Internetforen geben Mädchen offen und ehrlich an, dass das wichtigste Kriterium an einem Mann weder moralische Integrität noch persönliche Qualitäten sind, sondern dessen Reichtum gemessen an dessen Besitz von Wohnung, Auto und Bankkonten. In Städten wie Beijing oder Shanghai sind die Quadratmeterpreise von Wohnungen in guter Lage oft so hoch wie in Wien.

Oft haben es Menschen mit regelmäßigem Einkommen schwer, eine Wohnung zu kaufen. Die Chancen für Menschen ohne Arbeit sind null.

Arbeitslos und von der Freundin verlassen stürmte ein Mann in Fujian am 23. März eine Schule, tötete acht Schüler und verletzte weitere fünf. Einen Monat später wurde er durch Kopfschuss hingerichtet. Ein anderer Mann, der von der  Massenarbeitslosigkeit betroffen ist, griff einen Kindergarten mit einem Metzgermesser an. Resultat: 29 Kinder und drei Erwachsenen wurden verletzt.

Die rasanten Entwicklungen zeigen sich vor allem in den permanenten urbanen Baustellen. In vielen Städten deuten die Kräne, die an allen Ecken in die Höhe ragen, auf die boomende Bauindustrie. Deren Hunger nach Land machte manche korrupten Beamten und Immobilieninvestoren reich und trieb viele Bauern und Bürger in einen Abgrund ohne Dach über dem Kopf.

Die Beamten, geschmiert von den Investoren, veranlassen die Zwangsenteignung. Die Eigentümer werden mit Gewalt aus den Häusern gezerrt, während sie die Bulldozer im nächsten Augenblick dem Erdboden gleich machen. Wer sich mit der Kompensation nicht zufrieden gibt, hat wenig Chancen auf gerichtliche Anfechtung.

Aus Ohnmacht und Wut verletzte ein Mann, der bei der Umsiedlung benachteiligt wurde, am 29. April in einem Kindergarten in Jiangsu 30 Menschen, darunter Kleinkinder.

Die Paradoxie der chinesischen Gesellschaft zeigt sich in der Schizophrenie der Politik. Einerseits sind die Politiker korrupt, andererseits zeugen sie eindeutig von einem Bestreben, die Gesellschaft und Wirtschaft zu verbessern. Mehrheitlich als Ingenieure ausgebildet, versucht der Führungskader den Staat wie eine mechanische Uhr optimal einzustellen. Große Werbeplakate verheißen die harmonische Gesellschaft, vergeblich hoffend, dass die Worte auch in die Köpfe der Menschen eindringen. Im Fernsehen werden psychologische Erkrankungen enttabuisiert, Frauen werden emanzipiert, und in jedem Fernsehprogramm, sei es historisches Drama oder moderne Telenovelas, kommen Ausländer vor, um den Chinesen selbst zu zeigen, wie globalisiert sie waren, sind und sein sollen.

Aber weder Telenovelas noch tägliches Propaganda in den Nachrichten können die Verzweiflung, Wut und Trauer überdecken. Die Täter sind Mörder und Terroristen, aber sie sind keine seelenlosen Psychopathen. Sie greifen die Schwächsten der Gesellschaft an – als ultimativer Protest gegen die Mächtigen, gegen die sie machtlos sind.

Die Machthaber möchten von ihnen nichts wissen. Die Sicherheit in Schulen und Kindergärten wird erhöht, aber die Medien berichten kaum von den Terrorattacken. Einerseits möchte man Nachahmungstäter verhindern, was vollkommen misslingt, andererseits will man den Glanz der Expo 2010 nicht durch soziale Unruhen beflecken.

Wenn jedoch nichts unternommen wird, stirbt die Zukunft Chinas nicht nur metaphorisch in den Händen der Verzweifelten.

2 Kommentare »

  • der karl sagt:

    „Krankheiten und Schulbildung bereiten sogar wohlhabenden Menschen mit einer oder zwei Millionen RMB (100.000 bis 200.000 EUR) auf der Bank Sorgen. De jure kostenlos, verbraucht die Erziehung eines Kindes bis zum Universitätsabschluss de facto etwa eine Million RMB. Eine schwere chronische Krankheit wie Krebs kann das Vermögen einer Mittelklassefamilie binnen weniger Jahre aufbrauchen.“

    eine million rmb bis zum uni abschluss ist eher stark uebertrieben. natuerlich abhaengig davon, wo und wie man lebt, aber eine million in china zu verbrauchen, ist etwa so als wuerde man in europa eine million euro verbrauchen. 2000 rmb lohn im monat sind ganz normal, und 5000 rmb im monat gilt schon als top verdienst…
    was heisst uebrigens ‚das vermoegen eier mittelklassefamilie‘? eine krebs behandlug kostet so zwischen 50 tausend und eine million rmb aufwaehrts rmb….. je mehr man ausgibt (ausgeben kann) umso hoeher steigen die ueberlebenschancen.

    ‚In Städten wie Beijing oder Shanghai sind die Quadratmeterpreise von Wohnungen in guter Lage oft so hoch wie in Wien.‘ das ist eine grosse untertreibung!

    im restlichen beitrag ist leider vieles einseitig oder unvollstaendig dargestellt… eigentlich das typische bild von china in europa. dabei stimmen die aufgezeigten probleme wirklich und sind tag fuer tag offen sichtbar!

    lg

    • Boyang Xia sagt:

      Hallo Karl, danke für deine Kritik.

      Du hast Recht. Mit Schulbildung habe ich den falschen Sachverhalt angesprochen. Ich meine allgemein die Kosten, die ein Kind bis zur eignen Familiengründung braucht, wobei die Kosten für Haus und Auto nicht eingerechnet ist. Von Geburt bis 25 Jahre sind es durchschnittlich pro Jahr 40.000 RMB, und das ist, denke ich, nicht übertrieben.

      Mit Vermögen einer Mittelklassefamilie meine ich etwa 100.000 – 200.000 RMB verfügbares Geld.

      In Wien ist der Quadratmeterpreis durchschnittlich 3.000 EUR. Ich denke, in Beijing und Shanghai ist der Preis etwa auch 20.000 – 40.000 RMB. Sehr gut möglich, dass ich mich irre. Kennst du die genauen Preise?

      Ich möchte durch den Artikel die jüngsten Anschläge auf Schulen in China aufmerksam machen und es in Kontext setzen. Dass vieles einseitig und unvollständig ist, tut mir leid. Leider kann ich in so einem kurzen Beitrag wenig zur Vollständigkeit beitragen, noch weiß ich genug über China, um die Sachverhalte aus allen Perspektiven zu sehen.

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