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Euro-Krise: Sind tatsächlich die Spekulanten schuld?

Von | 11.05.2010, 12:00 | 9 Kommentare

750 Milliarden gegen die Spekulanten – das Euro-Hilfspaket bemüht einmal mehr ein altes Feindbild. Das ist absurd. Wie jeder andere brauche auch ich Feindbilder und Klischees. Schließlich bringen sie ein wenig Ordnung ins komplizierte Leben. Aber irgendwann werden sie trotzdem langweilig. Und daher kam mir dieser Text von Hans F. Bellstedt auf Carta gestern recht […]

"Greed is good": Der böse Spekulant Gordon Gekko im Film "Wall Street" (1987)

750 Milliarden gegen die Spekulanten – das Euro-Hilfspaket bemüht einmal mehr ein altes Feindbild. Das ist absurd.

Wie jeder andere brauche auch ich Feindbilder und Klischees. Schließlich bringen sie ein wenig Ordnung ins komplizierte Leben. Aber irgendwann werden sie trotzdem langweilig. Und daher kam mir dieser Text von Hans F. Bellstedt auf Carta gestern recht gelegen.

Bellstedt geht der Frage nach, ob es tatsächlich so einfach ist, wie es sich Boulevard und Volkes Seele gerne machen. Ob es tatsächlich Kreaturen ohne Moral wie der prototypische Gordon Gekko samt dessen Leitsatz „Greed is good“ aus Oliver Stones Film „Wallstreet“ von 1987 waren, die zuerst Griechenland und dann ganz Europa an den Rand des Abgrunds getrieben haben – eine zwar allgemein akzeptierte Sicht der Dinge, aber leider weit von der Realität entfernt. Bellstedt dazu:

Diese kollektive Spekulantenphobie, genährt vom immer tieferen Misstrauen der Politik gegenüber dem Finanzsektor, unterschlägt den eigentlichen Grund für die Existenzkrise des Euro: Der Euro ringt deshalb ums Überleben, weil nahezu alle Staaten der Eurozone jegliche Haushaltsdisziplin über Bord geworfen und ihre Defizite in geradezu astronomische Höhen getrieben haben. Das gilt für die PI(I)GS, aber in genau demselben, erschreckenden Maße auch für Deutschland, Frankreich und Großbritannien. […]
In dieser massiven Überschreitung der erst vor wenigen Jahren beschlossenen Schuldengrenzen liegt der eigentliche Skandal: Die Regierenden in der EU spekulieren darauf, dass die von ihnen zu verantwortenden Haushaltsdefizite sich durch späteres Wirtschaftswachstum wie von selbst auflösen werden. Die Pfeile des Volkszorns lenken sie derweil auf die bösen Finanzakrobaten in der Londoner City, in Frankfurt oder New York.

Auch die Analyse der Vorgeschichte zur griechischen Staatspleite und zur Krise des Euro auf Spiegel Online lässt beim besten Willen nicht erkennen, dass es Spekulanten waren, die Europa dazu getrieben haben, ein Hilfspaket noch nie da gewesener Dimension zu schnüren. Fazit dort: Staatliche Notenbanken haben eine viel größere Macht Wechselkurse zu beeinflussen als Hedgefonds, die gemeinhin als Brutstätte der Gordon Gekkos gelten. Und der Handel im Fahrwasser der im Rahmen Lehman-Brothers-Pleite zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten Kreditversicherungen hat in den vergangenen Monaten zwar zugenommen, aber nicht in einer Dimension, die ausufernde Spekulation auf griechische Staatsanleihen erkennen ließe.

So gesehen klingt es absurd, wenn nun die Europäische Union verkündet, man habe mit dem sagenhaften Rettungspaket die Spekulanten im Zaum gehalten und den Euro gerettet. Der Skandal der leichtsinnigen Überschuldung bleibt nach wie vor bestehen. Und ein weiterer – systemimmanenter, der auch nicht „den Spekulanten“ anzulasten ist – ebenfalls.

Auch Europa hat sich einmal mehr einem System unterordnen müssen, das „too big to fail“ ist, zu mächtig, um zu scheitern, weil sonst alles kaputt geht. Das mag realpolitisch sicher Sinn ergeben, birgt aber auch ein fatales Signal. Egal was passiert, egal wie offen ein Euro-Mitglied den Währungshütern den gestreckten Mittelfinger zeigt – es wird ihm geholfen werden. Und ehe ich mich jetzt vorschnell in die ungustiöse Riege der „Eh klar, die Griechen!“-Krakeeler am Boulevard einreihe, gehört natürlich gesagt: Die Griechen sind damit nicht allein. Im Schnitt wird das Budgetdefizit aller Staaten im Euro-Raum im Jahr 2010 wohl auf 6,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen – der Maastricht-Grenzwert liegt bei drei Prozent. Das lässt sich nicht allein Griechenland anlasten, da haben alle eifrig mitgemacht.

So weit, so die Schuldzuweisungen. Sicher haben Verantwortliche in hohen Ämtern hier Fehler gemacht – doch sie haben ihre Entscheidungen dabei auch dem allgemein gültigen Zeitgeist der vergangenen Jahre angepasst. Und der lautete eben, Schulden zu machen, die sich dann mit Gewinnen aus der Zukunft begleichen lassen. Wenn diese Zukunft anders kommt, als man sie sich in schönen Farben ausgemalt hat, wird es brenzlig.

Wer dafür weiter Gordon Gekko und „die Spekulanten“ geißeln möchte, möge das gerne tun. Es hilft bloß nichts. Am Ende dieses Prozesses wird für alle Beteiligten eisernes Sparen stehen. Sparen, das richtig weh tut. Sparen, das vielleicht unseren Lifestyle auf Kosten anderer zu überdenken hilft. Nicht nur in Griechenland, sondern auch im Rest des Euro-Raums.

9 Kommentare »

  • Ettmayer sagt:

    Ist ja alles hochinteressant, aber können wir jetzt bitte endlich dazu übergehen, diese Geldgeschichten in Billionen und Billiarden zu rechnen. Mit Milliardenbeträgen wird medial schon derart unbekümmert herumgeworfen, dass mir bei jeder weiteren Summe, die irgendwo steht, gleich die Augen zufallen und der Pylorus krampft. Vorstellbar ist das alles eh schon lange nicht mehr, also wieso lassen wir nicht größere, buntschillernde Finanzblasen steigen und verkünden leichten Herzens Staatschulden von mehreren Trilliarden Euro? Ich bin auch dafür, dass mehr Geld gedruckt wird, sagen wir einmal annähernd im Quadrilliardenbereich, damit die bösen, bösen Spekulanten echt was zu kiefeln haben, wenn sie diese Unsummen wieder verblasen wollen. Und das Gelddrucken eröffnet natürlich auch am Arbeitsmarkt sensationelle Möglichkeiten, weil man damit politisch superkorrekt die Arbeitslosenrate senken kann. Gelddrucken ist sicher verlockender als Schneeschaufeln. Aber wo ich grad beim Thema bin: Mit Sextillionen Euro oder US-Dollar, ganz wie’s beliebt, kann man für die Heerscharen an Gekkos locker einen Mount Everest aus Koks aufschütten. Derart erhöhte Drogenzufuhr bringt Börsenhaie und Anlageberater sicher auf extrem abwegige Ideen. Der Begriff Weltverschuldung, den es ja tatsächlich gibt, ist stark reformbedürftig, das weiß heute jedes Milchmädchen aus der gleichnamigen Rechnung. Ich bin ganz entschieden für die interstellare Budgetüberschreitung, die uns natürlich früher oder später in eine kosmische Schuldenfalle treibt, als nächstes Etappenziel der logarithmischen Geldvernichtung aber durchaus Sinn macht. Nur so eine Idee. Nur so dahingesagt. Nur ein bisschen auf Gekko gemacht …

    Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

    Ettmayer, dem Sport verpflichtet

    • Frater Gladius sagt:

      Liebster Ettmayer,
      ich hab Sie vermisst! Herzlichst, Ihr FG

  • saxo lady sagt:

    wer ist schuld?
    wer macht die regeln?
    wer hat dafür gesorgt, dass die unglaubliche menge an geld, die (genauso virtuell wie immer), die es gibt, immer massiver dorthin fließt, wo schon geld ist? weil zwar alles und jedes besteuert wird, aber ausgerechnet diese transaktionen, bei denen wirklich viel geld verschoben wird, nicht?
    die politiker? die lobbies? die anleger? die politisch verantwortlichen, die dafür gesorgt haben, dass mittels pensionsvorsorge letztendlich alle an diesem anlageverfahren mitmachen und möglicherweise in der zukunft partizipieren können und deshalb mitspielen?
    wer ist schuld?

    ich sehs ja so: den bösen schwarzen mann gibts net. nicht an der wallstreet und nicht an der börse.
    es gibt einfach systemimmanente bewegungen, die zu lange in eine richtung steuerten. jetzt kippt das ganze, weil die kuh zu tode gemolken wurde. jetzt wird ihr noch ein herzkatheder angehängt und ein paar spritzerl verpasst..ob sie wieder zum leben erwacht?

    oder ob wir alle draufkommen, dass jetzt zeit ist für eine neue kultur, für einen neuen umgang miteinander?
    wird sich rausstellen.

  • tom sagt:

    Es wird auch das sparen nichts helfen weil sparen nicht unbedingt die Wirtschaft ankurbelt somdern das einzige Mittel das hilft und das immer geholfen hat ist die Entschuldung über Inflation. Die EZB drückt jetzt genauso auf die Notenpresse wie die FED und damit kommt über kurz od. lang bei beiden Währungen eine Inflation.

  • Raphael sagt:

    Leider hast Du übersehen, dass die Budgetdefizite 2009 deshalb in die Höhe geschnellt sind, weil die Staaten die Banken retten mussten. In Österreich schulden uns die Banken nach wie vor 7 Mrd. Euro. In Griechenland mussten die Banken mit 28(!) Mrd. Euro gerettet werden:
    http://www.fxstreet.com/news/forex-news/article.aspx?storyid=cac1ad4a-747d-4f7e-9483-1fdaa4f42428

    • Stimmt, das habe ich verschwiegen. Und daher auch vielen Dank für den Hinweis. Doch so gerne ich das hätte, bleibt es zu einfach, bloß Banken und Spekulanten die Schuld an allem in die Schuhe zu schieben.

    • truetigger sagt:

      @Raphael: Ganz so einfach ist es auch nicht, eine ausufernde Staatsverschuldung ist schon seit vielen Jahren üblich, nicht erst seit der als „Finanzmarktkrise“ gestarteten aktuellen Weltwirtschaftskrise.

      In den Maastricht-Kriterien einigte man sich zum Start des Euro auf einen „Stabilitätspakt“: max 3% NEUVERSCHULDUNG pro Jahr, max. 60% Verschuldungsstand vom BIP. Als kleine Länder dagegen verstiessen, erwägte man Milliardenstrafen – als Deutschland dann unter Finanzminister Hans Eichel mehrere Jahre in Folge die 3% nicht schaffte, verzieh man es dem grossen Land.

      Was so schon vor Jahren als Botschaft rauskam: Kleine Länder müssen tricksen, grosse brauchen eh nicht drauf achten. Papier ist geduldig.

      Und wie sah denn der Plan von KH(Unschuldsvermutung)G zum Nulldefizit aus? Entpuppte sich ja im Nachhinein auch alles als Buchhalter-Trick. Ebenso das instabile Kartenhaus in Kärnten, die Finanzierungsgeschäfte der ÖBB, Cross-Border-Leasings – nein, hier ist überall die Politik dem Irrglaube aufgesessen, durch Taschenspielertricks auf Dauer reich zu werden.

      Ich will Spekulanten nicht in Schutz nehmen, sie sind wie Parasiten: saugen einen Organismus leer ohne etwas im Gegenzug beizusteuern – aber die Spekulanten sind nur das Ergebnis des Systems, und sie zeigen mit ihren Wetten auf den Niedergang einer Währung nur die vorhandenen Trends auf. Der Euro IST nicht so stark, wie wir alle denken, und das ist AUCH die Schuld der Österreicher und der Deutschen, die gern mit dem Finger gen Süden zu den „Weichwährungsländern“ zeigen.

      • tom sagt:

        Stellt sich die Frage ob es überhaupt gut ist das eine Währung „stark“ ist. Ich bin der Meinung das entsprechend flexible Regelungen geschaffen werden sollten um auf die jeweilige Situation reagieren zu können. So wie es beim Dollar schon ewig ist. Ein stures festschreiben von irgendwelchen Regeln wird ja doch nur durch Tricks umgangen. Besser die Staaten würden erlich mit ihrer Verschuldung umgehen müssen (und nicht sie in Zweckgesellschaften wie der ASFINAG auslagern) und es gibt Möglichkeiten diese besser zu Regeln als jetzt. Einem Staat der nix hat Milliardenstrafen aufzubrummen ist ja auch nicht gerade sinnvoll.

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