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Gladius 48. Im Bett mit dem Feind

Von | 09.05.2010, 18:10 | 9 Kommentare

In einem Wahlkampf passieren die bizarrsten Dinge. Da kann es vorkommen, dass selbst die Grüngerechten mit den Rechten „Avec Papiers“ werden. Ein Wahlkampf – alias Machtkampf – führt gern zu einem Zustand, den alle Politiker inbrünstig hassen: Ohnmacht. Theoretisch gilt das für alle, die nach einem Wahlgang unter der 50%-Marke landen. Praktisch haben die Machthaber […]

Bullen by Jürg Christandl (mit Dank an Christandl, zu seiner Website bitte aufs Bild klicken)

In einem Wahlkampf passieren die bizarrsten Dinge. Da kann es vorkommen, dass selbst die Grüngerechten mit den Rechten „Avec Papiers“ werden.

Ein Wahlkampf – alias Machtkampf – führt gern zu einem Zustand, den alle Politiker inbrünstig hassen: Ohnmacht. Theoretisch gilt das für alle, die nach einem Wahlgang unter der 50%-Marke landen. Praktisch haben die Machthaber zeit ihrer Regentschaft die Spielregeln ausreichend „massiert“, um auch mit relativer Mehrheit die Absolute zu sichern (Wien). In England reichen dafür sogar 38% der Stimmen.

Aber manchmal versagen alle vorbeugenden Kunstgriffe. Da kann es (wie vor wenigen Tagen auf der Insel) passieren, dass weder der theoretische Schulterschluss zweier Großparteien (Labour & Liberaldemokraten erreichten 52% der Stimmen) noch die Relative der verhinderten Wahlsieger (Tories) ein Resultat bringen, mit dem so ein demokratischer Prozess funktionieren kann. In England heißt dieser (nun aktuelle) Zustand „hängendes Parlament“.

Foto: dugspr

Man kann nun zum Wort „hängend“ stehen (!) wie man will, aber man wird mit mir wohl überein stimmen, dass mit „hängend“ eher nicht „erigiert“ assoziiert wird, eher schon „schlaff“. Mit „hängend“ lässt sich weder ein Zelt bauen noch sonst was anfangen, das ist eher ohnmächtig denn ermächtigt – ein Zustand, der jedem Politiker auf Dauer „am Zeiger“ geht. Man entschließt sich nicht zu einer politischen Karriere, um dann lebenslang ohnmächtig herum zu hängen.

Man möge mir die Sexualisierung der demokratischen Prozesse verzeihen. Ich kann nicht anders, Sex und Macht sind eben psychologische Geschwister. Impotenz ist sowohl im Sex als auch in der Politik obsolet, daher schlüpft man auch in beiden Sphären zum Zwecke der Ermächtigung mit Partnern unter die Laken.

Nicht immer ist der Partner einer, an dem man sein „Wohlgefallen“ gefunden hat, und beim Sex kann ich das (als Mann) ohne Mühe verstehen. Bekanntlich hat ein Penis kein Gewissen, noch ist der Unterleib jemals über die Maßen rational unterwegs. In der Politik ist das anders. Jedenfalls sollte es anders sein. Nur führt dort allzu lange Ohnmachtsstellung mitunter zu zerebralen Wallungen, die einen alle ideologischen Hemmungen vergessen lassen, insbesondere, wenn sich am Horizont theoretische „Koalitionen“ kristallisieren, die eine Ermächtigung endlich machbar erscheinen lassen. Wenn der Zweck plötzlich alle, aber wirklich alle Mittel heiligt.

Und schon liegst du schneller mit dem Feind im Bett, als du „Scheißnazi“ „huch!“ sagen kannst.

Ich bin jetzt nicht Moralapostel genug, um bei so einem One Night Stand mit dem Gegner übermäßig entrüstet zu sein. Kann passieren, dazu braucht man sich ihn nur schöngesoffen zu haben. Der Kater anderntags sorgt dann ohnehin für entsprechende Ernüchterung. Anders ist es, wenn das Verhältnis mit dem Feind notariell besiegelt wird. Das ist … irgendwie andersartig.  Riecht ein wenig nach … verordneter Liebe auf niemals geworfenen Blick, no?

Mir wäre es wahrscheinlich nicht aufgefallen, wäre mir am Sozialen Netzwerk nicht ein massiver Thread vor Augen geraten, der sich an einen Aufschrei knüpfte. Der Absender hatte „den Mund offen und fragt sich, ob die Wiener Grünen verrückt geworden sind.“ Die Betroffenheit war von einem Presseartikel getriggert worden, der uns informierte, dass Maria Vassilakou (für die Grünen) und die Abteilung Strache plus Alii unter Aufsicht eines Notars ihre Unterschriften auf ein gemeinsames Dokument gesetzt hatten. Frau Vassilakou hat diese Aktion seither zwar wortreich („undemokratisches Wahlsystem“ etc) erklärt. Nur bin ich nicht der einzige, dem die Gründe egal sind. Ich halte es da mit anderen Knüpfern an oben erwähnten Thread („mit einem Strache macht man keinen gemeinsamen Termin“). Und es ist jetzt nicht so, dass man mit so einem gemeinsamen Populismusversuch gleich zum Arschloch gestempelt wird. Aber jedenfalls kann so ein bizarrer Akt der erste Schritt zum Arschlochmagneten sein. Wer braucht das?

Zudem bin ich überzeugt, dass die Grünen damit ihre Basis erschüttern. Grünwähler sind häufig auch Puristen, für die „historische Integrität“ nicht nur zwei Worte sind. Die eher auf prinzipielle Haltung stehen, eher nicht  auf was Gekrümmtes („Grüne – wie die Bananen … erst grün, dann gelb, dann schwarz“ – eine weitere Sprechblase des Threads). Es gibt einen Punkt, da hört sich „politische Pragmatik“ auf. Wenn einem das „undemokratische Wahlsystem“ so derart gegen den Strich geht, dann schreibt man es sich ins Wahlkampfmanifest (wie die englischen LibDems) und geht damit in den Wahlkampf, nicht ein halbes Jahr davor zum Notar.

Besonders seltsam der Zeitpunkt. Gerade jetzt, wo die Grünen – etwa im Burgenland – absolut attraktive Kandidaten featuren, wo in Wien ein Klaus Werner-Lobo anlässlich des Sans Papiers-Skandals (dazu HIER) großartige Akzente setzte, die einem humanistischen Gemüt ob all des unfassbaren Immigrantenhasses einen Schimmer Hoffnung geben, kommt dieser unzeitgemäße Notariatsakt daher. Ein Jammer.

Pragmatiker mögen nun einwenden, dass alles Fädenziehen und Aktivieren Werner-Lobos in Sachen „Sans Papiers-Nigerianer“ nichts gefruchtet hat, dieser unselige Mann namens Cletus B. wurde zusammen mit zwanzig anderen armen Hunden in ein Flugzeug nach Nigeria gesteckt, wo Cletus B. 15 Jahre Haft drohen, weil „homosexuellen Menschen im Scharia-Recht das Todesurteil (blühen) kann“ (Gemeinderat Marco Schreuder). Diese Ansicht kann ich nicht teilen. Immerhin haben die Protestaktionen und Appelle massive öffentliche Betroffenheit erzeugt. Sie haben Menschen mit wachem Bewusstsein für Menschenrechte Hoffnung gemacht, dass es im Lager der Grünen Leute gibt, die richtig ticken. Und gut, am Flughafen demonstrierten letztlich nur 35 Aktivisten gegen die Abschiebung. Aber nächstes Mal werden es mehr sein. Es müssen mehr sein.

Wie es ist, haben sich Strache & Co nach erfolgreichem Abschieben der „Nigerianer“ sicher lauthals ins Fäustchen gelacht. Und Vassilakou hat gleichzeitig ein Dokument mit diesem Typen unterzeichnet.

9 Kommentare »

  • karotterl sagt:

    hm, lieber frater, ich versteh Ihre aufregung ja. ein hehres, ein edles, ein reines ziel ist es, dass uns gutnmenscherl in den tiefen der seele vereint. aber hilfts? ich will mich ja nicht echauffieren über forderungen, die ich im herzen nur zu gerne nachvollziehen möcht, aber mir geht einiges in letzter zeit gewaltig auf die nerven, und ich hoff, lieber frater, Sie sind mir nicht bös, wenn ich das jetzt hier poste.

    auf fb geschehen seltsame dinge mit gedachten waffengeschwistern. heult einer nicht im gleichtakt: burkaverbot..kann es schön passieren, dass er als zu wenig linker beinhart entfriendet wird. differenzierung?…ja wo kommen wir den da hin. und wagt es einer, in politischen diskurs zutreten mit jemand, der womöglich mit (ja ok igitt) rosenkranz (ja die soll auch auf fb sein) befriendet ist, wird diese allianz sofort angeprangert, friends aufgefordert, diese unsägliche person zu entfrienden, weil wo sind wir den….????

    ich frag mich ja, wenn man so genau weiß, wer der böse ist, mit dem man nicht sprechen darf…von dem man sich ganz fest abgrenzen muss….wo ist da dann der unterschied??
    zu genau dem, was ich naives gutmenscherl überhaupt net aushalt, nämlich an ein paar einzelheiten festgemachte unterschiede (hautfarbe, haarfarbe, religion, freunde??) ein urteil fälle und mich und die unterschiedslosen zu was viel besseren erhebe…
    himmelarschundzwirn nochamal…
    tschuldigung.
    net sehr ladylike aber grünzeugs will sich halt auch äußern ;)
    herzlichst
    Ihr
    karotterl

    • Frater Gladius sagt:

      Wertes karotterl,
      wieso soll ich bös sein? Ich hoffe nur, dass Sie jetzt nicht glauben, ich hätte was gegen Ms Vassilakou. Nichts könnte mir ferner sein. Ich habe großen Respekt für eine Politikerin, die das Angebot des griechischen Ministerpräsidenten – griechische Umweltministerin zu werden – ausschlägt, um – Österreichische Grüne (!) zu bleiben. Das finde ich beeindruckend (die Frage „Udo Jürgens oder griechischer Wein?“ mit „Udo“ zu beantworten). Da hab ich Respekt.
      Weniger Respekt hab ich, wenn die Grünen ob all der voreiligen wahltaktischen Gedanken vergessen, wo ihre Basis ist. Herzlichst, Ihr FG

  • Kann nicht verhehlen, dass mich diese ständigen, auch von Journalisten und manch Politikern verwendeten Metaphern zwischen Politik und Liebesbeziehungs- oder sexuellen Andeutungen nerven. Wenn koaliert wird, kommt ständige der „in Bett mit“-Vergleich oder gar die Hochzeit oder sonstiges. Nur weil beides mit Macht zu tun hat?
    Ergänzend zu Helge und Hollerbusch bitte ich auch noch zu bedenken, welche Wirkung es gehabt hätte, wenn ÖVP und FPÖ den Notariatsakt gemacht hätten und die GRÜNEN verweigert. Was gewesen wäre…genau…sei es hier aber jedenfalls überall anders wäre gestanden, die GRÜNEN wären im Bett mit den Regierenden (vielleicht auch noch das Wort vorehelich), alles-tun-um-an-die-Macht-zu-kommen, schmeissen bei Koalitionsperspektive Prinzipien über Board etc.
    Und wie Hollerbusch richtig schriebt: es hat keinen gemeinsamen öffentlichen Auftritt von Vassilakou und Strache gegeben. Lediglich dieser eine Presseartikel hat „Schulterschluss“ im Titel geschrieben, was viele wild assoziieren und nicht mehr nachsehen liess (zu Beginn inkl. mir), was genau geschehen ist.
    Übrigens entspricht inhaltlich dieses Bekenntnis der drei Wiener Oppositionsparteien nicht einer Kooperation, sondern eher einer Art deklarierter Selbstverpflichtung für die Zeit nach der Wahl, einen diesbezüglichen Antrag auch in der kommenden Legistlaturperiode einzubringen.
    Hier mehr dazu: http://wien.gruene.at/2010/05/04/wahlrechtsreform

    • Frater Gladius sagt:

      Werter Guensberg,

      @„Wenn koaliert wird, kommt ständige der “in Bett mit”-Vergleich oder gar die Hochzeit oder sonstiges. Nur weil beides mit Macht zu tun hat?“ –

      Genau. Und ich möchte doch sehr bitten: Wenn ICH mich zu sexuellen Assoziationen nötige, dann geschieht das jedenfalls extrem liebevoll bzw sehnsüchtig. Ein wenig wie Äsops Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen. Nur erlaube ich mir nicht, die Trauben als „zu sauer“ zu erklären. Eine Koalition ist jenseits von Ratio, und die Erklärung „Politik ist die Kunst des Kompromisses“ reicht nicht. Und wenn die Dinge in vorauseilender Hast geschehen – wie dieser (lächerliche) „Notariatsakt“, dann ist die „Root-Motivation“ nicht die richtige. Ihr FG

  • Helge sagt:

    Ich kann mich meinem Vorredner Hollerbusch nur vollinhaltlich anschließen. Mit Parias à la Strache bei einer solch vernünftigen Sachentscheidung nicht gemeinsame Sache zu machen wäre demokratischer Fundamentalismus. Der eingeforderte „Grüne Purismus“ führt zu Stillstand, davon haben wir schon genug in dieser Stadt.

    • Frater Gladius sagt:

      Gut gebrüllt, Helge. So lob ich mir die Fußsoldaten der Partei! Ihr FG

  • Hollerbusch sagt:

    Frater Gladius voll missionarischen Eifers … . Aber lassen wir die Kirche im Dorf: Die Grünen haben auf Bundesebene schon oft mit der FPÖ in einzelnen Sachfragen zusammengearbeitet, so z.B. mit Martin Graf über die Abschaffung der Studiengebühren verhandelt, oder mit der FPÖ die Zwei-Drittel-Blockade im NR vereinbart.
    Und die Aktion rund ums Wahlrecht ergibt durchaus einen Sinn. Denn schon vor dem Verlust der SPÖ-Absoluten 1996 hatte es eine blau-grün-schwarze Allianz gegen eine damals von der SPÖ angestrebte Wahlrechtsreform gegeben, mit der die Wiener Sozialdemokraten auch mit unter 40% der Stimmen die Absolute hätte verteidigen können. Als dann aber die Chance auf ein neues Wahlrecht bestanden hätte, wurde die Chance nicht ergriffen – sehr zum Schaden aller drei Parteien. Diesmal wollen sie es anders machen und das mit dem Notariatsakt dokumentieren, und damit aufeinander auch Druck ausüben, das Versprechen eines neuen Wahlrechts nach der Wahl auch einzulösen.
    Nebenbei haben Strache und Vassilakou keinen gemeinsamen Auftritt gehabt – dann würde ich die Aufregung ja vielleicht verstehen. Sie haben aber im Gleichklang gehandelt – und das ist in diesem einen Fall auch gut so.

    • Frater Gladius sagt:

      Danke für die Zuwendung, Hollerbusch. Und machen wir doch einander nichts vor: Dieser idiotische Notariatsakt war von der Paranoia getriggert, dass da jemand mit den Sozis koalieren könnte, der in den Genuss der Koalition kommt, weil er auf eine Wahlreform NICHT besteht. Tut mir leid: Das ist zuwenig. Was passiert denn einer Partei, die sich NICHT an den Notariatsakt hält? 50 Euro Strafe?

      Vielleicht bin ich etwas naiv, aber: Wenn mir ein Handschlag nicht reicht, um dem „Partner“ zu trauen, dann verzichte ich eigentlich lieber auf dieses ganze unselige Spektakel. Zumal zu diesem bedauerlichen Zeitpunkt: In Schwechat werden 20 „Nigerianer“ deportiert (Strache lacht) – gleichzeitig wird dieses (noch einmal): HOCHGRADIG LÄCHERLICHE ABKOMMEN fixiert (Strache kennt sich nicht vor lachen).

      Ich habe das Gefühl, den Grünen fehlt das Gefühl für den Unterschied zwischen „Fundi“ und „Realo“. Ich meine: Realo gut und schön. Aber in einer Zeit, da der „Politikverdrossene“ verzweifelt nach einem Grund sucht, die Politik wieder ernst zu nehmen, ist dieser Rosshandel ganz einfach obszön. Ihr FG

      • lusciniola sagt:

        Ich vermute das ist historisch bedingt. Bei der letzten Wahl, bei der die SPÖ keine Absolute hatte, hatten damals auch alle anderen Parteien vereinbart, dass sie auf eine Wahlreform bestehen werden. Nach der Wahl war alles anders – die ÖVP koalierte und hielt sich nicht an die Vereinbarung. Das wollten die Parteien diesmal ausschließen und einen stärkeren Vertrag schließen, der öffentlichkeitswirksam ist und damit der Wortbruch offensichtlich ist.

        Ich glaube, es gibt gröbere Probleme als dass die Grünen einen Notariatsakt schließen, den auch die Blauen schließen. Die Verfassungsmehrheitsblockade im Parlament haben auch alle Oppositionsparteien beschlossen. Wenn es darum geht, absoluter Macht etwas entgegen zu setzen, dann müssen auch die Oppositionsparteien manchmal an einem Strang ziehen. Wenn man nicht einmal in einzelnen Sachfragen zusammenarbeiten kann, weil absolute Ideologiereinheit dagegensteht, hat man nichts in der Politik verloren.

        Und das ewige Dilemma der Grünen war es sowieso schon immer, dass ihre Basis und ihre Wähler maximal zu 50% deckungsgleich sind.

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