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Miserable In Winchester 01: 12.50h Wien – Winchester 20.45h: Reise von einer language to the other

Von | 28.02.2009, 16:40 | 4 Kommentare

Note to the English Reader: Being somewhat plain in terms of languages, why not scroll down to the line starting with „Stansted, baggage claim“. Thank you.

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ICE Wien-Düsseldorf, Speisewagen. Dort sitzt ein Österreicher mit Wiener Akzent, der gleich im Laptop verschwindet, sowie ein Deutscher, der sich mit Verlassen des Bahnhofs ans Handy klammert. Umfrage-Erinnerung: 97% der Deutschen unter 30 wollen nicht ohne Handy leben können, 84% finden das Internet unersetzlich, 43% den Partner. Wahr ist natürlich auch, dass weniger als die Hälfte der Jungen einen Partner haben.
Noch ein Mann kommt dazu, optisch Balkan um die vierzig, ob Serbe oder Kroate ist so eine Sache, weiß ich von einem befreundeten Wiener, dessen Mutter in Serbien aufgewachsen ist, und dem Serbinnen auffallen, wenn er in Kroatien Urlaub macht. Bist a Kroat, stehst auf Serbinnen, so sei das eben seit dem Bosnienkrieg, als wäre man den Serben in Sachen ethnische Säuberung noch was schuldig.
Der Wiener mit der in Serbien aufgewachsenen Mutter hat mich zum Bahnhof gebracht, und da fiel uns eine junge schwarzhaarige Schöne auf, „Serbin?“, frag ich. „Naa, Rumänin schätz ich, vielleicht eine Roma, hast gehört, was die wieder aufgeführt haben in Ungarn?“ sagt er, auf den Mord an einem Roma-Vater und dessen 4jährigen Sohn anspielend.
Ein junger schwarzer Ober mit makellosem Haarschnitt bedient im Wagen, der Handy-Mann redet was von einem Liftschacht, der fünf Zentimeter unter Wasser ist, draußen passieren Pressbaum und Rekawinkel, die Südhänge sind aper, auf den Schattenbergen liegt Schnee. Dann St Pölten, wo die Wohnblöcke jetzt höher sind als die Kirche und das gönnte man der Kirche, wären die Wohnstätten nicht so hässlich.
„Zugestiegen, bitte!“
Windturbinen tauchen auf und damit die übliche Frage, ob das ästhetisch ist, mich stören sie nicht, die gehören ins Jetzt und zu mir, „windmills“ sind immer da, im Weinviertel wie in Hampshire. Okay, in Hampshire gibt es sie nicht, aber nebenan in Cornwall massenhaft. Tolles Wetter heute und rechts ein Teich mit der Burg Pöchlarn. Zeit für die Landeshauptmannpröll-Story einer charmanten Weinviertlerin.
Landeshauptmannpröll-Story.
„Dem hab ich g´schrieben“, erzählte sie, „weil unsere Nachbarin Krebs hatte, aber nicht das Geld für die Behandlung, und da ist der Pröll gleich persönlich kommen und das Geld auch. Die anderen, denen ich dann geschrieben hab, sind nicht gekommen, die haben nicht einmal reagiert.“ –
„Du hast anderen dann auch geschrieben?“ –
„Na kloa.“ –
„Warum, wenn das Geld für die Behandlung schon da war?“ –
„Um zu testen, ob sie ein Herz haben.“ –
„Die wären aber schön ang´fressen g´wesn, wenn´s kommen wären und das Geld wär schon da gewesen.“ –
„Sind eh ned kommen.“ –
„Und deswegen wählen wir den Pröll, nehm ich an.“ –
„Das kannst annehmen.“ –
Es gibt noch immer Leute, die gehen wählen.

Nach Ybbs und mit Amstetten kommt Industrie auf, kaltschnäuzige Ungeniertheiten, auf denen „Umdasch“ steht oder „XXX Lutz“. Das lenkt die Aufmerksamkeit aufs Waggon-Innere, auf ein „Mobil, das Magazin der Deutschen Bahn“, mit Heike Makatsch am Cover, die auf Knef unterwegs ist und nicht uncool, checken Sie mal diesen Clip.

Also, die Makatsch im Zeichen von Knef, dann das Model Julia Stegner mit den langen Beinen und die Slalom-Riesch –  muss ich wohl mit Kollegen Dr Trash checken, ob er schon Neues Deutsches Fräuleinwunder dazu sagen will. Ja, deutsche Girls. So nett  wie ihre Boys zum Vergessen sind. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass sie uns immer die Dumpfbacken aus der dritten Liga Ossi in die Geschäftsführung setzen.

Linz. Mit den neuen Glashäusern, die jetzt Bahnhof heißen, sind sie wenigstens ehrlich, so auf „auch wir haben Shops und was Originelleres fällt uns halt leider nicht ein.“ Back To Basics. Geld machen. Geld ausgeben. Sterben. Das ist alles.

Ist das alles?

Das Re-branding geht los. Die Sprachverwirrung. Die Donau heißt jetzt „Blue Danube“, das Gasthaus „Cafe de Paris“, der Bus geht zum „Airport“ und „ist frei heute, weil´s Wetter so schön ist“, sagt der Fahrer. Wird hier auch gewählt?
Ryan-air. Sie spielen Mozart im Flieger und die „kleine Nachtmusik“ mutet etwas schräg an, wenn draußen die Sonne scheint. Zwei Stunden als Sardine und je weniger darüber gesagt wird umso besser. Seltsame Truppe, die Ryans.
Stansted, baggage claim. People waiting in the hall, Handys werden gezückt, „Servus Poldi, Hubsi hier, steh grad in London und, was sagst du? Ich höör dich nicht, weißt was, ruf dich später wieder an.“ Dann through customs to Stansted Express, langsam verlaufen sich die österreichischen Klänge and make way for a largely international scene, der Zug gerät in Bewegung, the ancient wagons shaking and rattling and slowly gathering speed, Handys sind keine mehr zu sehen, people´s heads vanishing between sheets of newspapers. At Liverpool Street good news, die U-Bahnen funktionieren heute, even the City Line to Waterloo.
The pace in London quickens up, with the hurried clickety-clock of shoes in the subways and there we are, just in time for the 19.39h to Southampton, the chinese guy next to me listening to Ipod with closed eyes, otherwise everybody is covered in newspapers reporting an attack on the Sri Lankan Cricket team in Pakistan, and the wife of President Obama seems to have worn a blouse without sleeves and they ask is it cool for the president´s wife to show bare arms? Dominating the front pages a picture of Prime Minister Gordon Brown under the headline „Hand out cash and make us spend it“. Back To Basics. Make Money. Spend money. Die. That is all.

Is that all?

Between Farnborough and Fleet a nice Pakistani woman drops a paper and I bend down to pick it up, unfortunately with my left hand, so I feel a bit bad about it. And on we go. Should be in Winchester by 20.45h English time, after a nine-hour journey. Felt pretty quick, too.
Nine hours just aren´t what they used to be.

4 Kommentare »

  • kampftschusch sagt:

    roma sagt er … sicherlich auch so ein schicker siebtbezirkiger standard-leser mit migrationshintergrund, der sich daher als auskenner in balkanesisch wähnt und die dortigen wandervölker politisch korrekt mit roma anspricht.

    selbst harri stojka himself musste sich letztens korrigieren, als er im TV von sich und seiner band als „wohnsinnige zigeina“ sprach. „tschuidign, heit sogt ma jo roma und sinti …“

    und dass der kollege gerade mal urlauben tut in kroatien, sonst aber schimmerfrei die materie betreffend bleibt, merkt man auch. soll er doch in, sagen wir mal, knin von der vorliebe für serbinnen erzählen, und von der ethnischen säuberung diesbezüglich, hohoho. so schnell kann der gar nicht schaun, wird er auch schon ethnisch gesäubert.

    glaubts mir, der balkankrieg is no lang no ned vorbei. der geht erst richtig los …

    • Manfred Sax sagt:

      Werter Kampftschusch,
      da mögen Sie recht haben oder auch nicht. Ich bin kein Balkanfachmann. Ich verstehe ja nicht einmal, warum so viele „Tschuschen“ in Österreich die „Tschuschen raus“-Politiker unterstützen. MS

  • harald sagt:

    Und cih frage immer: Bosnierin?
    Aber das ist eigentlich eine komplizierte Geschichte.

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